Weiter unten wurde das Konzept des Erhabenen (oder Sublimen) angesprochen, das sich als Terminus Technicus in der Rhetorik, der Naturbeobachtungen und schließlich der Kunst etabliert hat. 

Für die bildende Kunst blieb diese Ausdifferenzierung des rhetorischen und kunsttheoretischen Diskurses zunächst ohne direkte Folgen. Sie orientierte sich eher am Topos des locus terribilis, der in seiner Abgrenzung zum locus amoenus eine ähnliche Semantik wie das Erhabene ausbildete.

Pfisterer 2011: 114

Im Zuge einer produktionsästhetischen Betrachtung im Sinne einer Architektur des locus amoenus schreibt Goebel (1984: 78-90), dass zwar das Konzept des locus amoenus bereits seit der Antike etabliert sei, jedoch ausschließlich als Idealvorstellung eines Ortes in der Literatur und in der Natur. Er zitiert hier den Romanisten E.R. Curtius (Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter 1949: 202), der diesen ideellen Ort in seiner Minimalkonfiguration phänomenologisch zu fassen versucht. So müsse ein locus amoenus mindestens folgende Merkmale aufweisen:

  • einen Baum (oder mehrere Bäume/einen Hain)
  • eine Wiese
  • eine Quelle oder Bachlauf 

optional: Vogelgesang, Blumen und einen Windhauch

Für Goebel stellt sich die Frage, ob der locus amoenus auch künstlich (er spricht konkret von Architektur und Landschaftsarchitektur) erzeugt werden kann oder ob eine gewisse artifizielle Komponente mitunter sogar als Voraussetzung zu werten ist, dass ein locus amoenus entsteht. Er kommt allerdings zu dem Zwischenergebnis, dass in der Kreation dieser Orte externe Interessen (Herrschaftsansprüche, Repräsentation, Insignia) als Grundintention größeres Gewicht hatten, als der wahrhaftige Lustort oder, wenn in Ausnahmefällen tatsächlich ein kleines Paradies geschaffen wurde, dass sich diese Kreation letztendlich als Assemblage diverser Zitate zeigte und nicht als kohärenter Ort:

Sie [die Gärten der Renaissance und des Barock] sind gewissermaßen die Signatur des locus amoenus, der durch sie freilich nicht so sehr realisiert, wie zitatweise beschschworen wird.

Goebel 1984: 82, Hervorhebung (fett) durch mich

Als finales Resumée zieht er, dass der locus amoenus nicht per se existiere. Er entsteht entweder vollkommen imaginär innerhalb der Raumwelten der Literatur (und Kunst) oder, im Verbund eines geografischen Ortes der durch Literatur oder Kunst mystifiziert wird. (Und selbst diese Aussage schränkt Goebel wieder ein, wenn er davon spricht, dass der locus amoenus nur verwirklichbar/wahrnehmbar im Zitat sei.) 

Er führt hier, im letzten Satz seines Textes, den Begriff Architextur ein, ohne ihn näher auszuführen oder zu erörtern.

Die mit diesem Begriff versehenen Konnotationen: Architektur, Text und Textur deuten bereits auf eine bestimmte Phänomenologie hin – so sei hier auf Virilios Konzept des Interfaces – "Interfassade" – als Raumphänomen (vgl. Virilio 2015: 262) erinnert (als deutsche Übersetzung hier zu finden).

Desweiteren könnte der imaginäre Charakter des locus amoenus mit den Mitteln der Rezeptionsästhetik bearbeitet werden.