Kultur – das ist die Gesamtheit aller nicht vererbten Information zusammen mit den Verfahren ihrer Organisation und Speicherung. […] Die Information ist kein fakultatives Merkmal, sondern sie ist eine der Grundvoraussetzungen menschlicher Existenz. Der Kampf ums Überleben ist – biologisch wie sozial – ein Kampf um Information. […] Aber die Kultur ist nicht einfach ein Informationsspeicher. Sie ist vielmehr ein äußerst komplex organisierter Mechanismus, der Informationen aufbewahrt und – während er dafür beständig die jeweils günstigsten und kompaktesten Verfahren ausbildet – neue Informationen aufnimmt, Mitteilungen codiert und dechiffriert, sie aus einem Zeichensystem in ein anderes übersetzt. 

Lotman, Kunst als Sprache, 1981: 26 – Hervorhebungen durch mich

In diesem Zitat Lotmans stecken diverse interessante Aspekte: Zum einen scheint es für ihn vorerst nicht um die Dialektik Natur–Kultur zu gehen, sondern der primäre Antagonist der Kultur kommt aus dem Inneren, wenn er schreibt, dass es eine beständige Diskussion zwischen den Trägern der Kultur und seinen Gegnern gebe (vgl. Lotman 1981: 26). Freilich ist diese Auffassung mitunter dem politisch-sozialen Klima der Sowjetunion (Lotman war Professor in der "Estnischen SSR") geschuldet, auch wenn er den Terminus Klassenkampf erst später benutzt.

Des Weiteren ist die Auswahl und beständige Umcodierung der kulturellen Informationen hervorzuheben, schafft diese Idee doch den Diskussionsraum für die Vorstellung, dass Literatur und Virtual Reality letztendlich "nur" Ausprägungen unterschiedlicher Zeichensysteme der gleichen Information sind.